Jan Schiffer

Ich freue mich, dass wir diese Strategiedebatte führen, nicht nur, weil ich mir sicher bin, dass durch diese Debatte viele gute und innovative Ideen zur Weiterentwicklung unserer politischen Praxis diskutiert werden, sondern auch, weil genau das etwas ist, was viel zu wenig geschieht: Über Strategie reden.

Wenn es etwas gibt, an was es in unserem Jugendverband nicht mangelt, dann sind es das kontroverse Diskussionen, was großartig ist, denn durch kontroverse Diskussionen ist es im Optimalfall (der oft aus Gründen nicht eintritt, die man in einem eigenen Text erörtern müsste) möglich, reflektierte Positionen zu finden, die einen Gegenstand von verschiedenen Seiten beleuchten und damit tatsächlich oft korrekter sind als die Positionen, mit denen man in die Debatte geht.  Oft haben diese Diskussionen aber die Schwäche, dass zwar über viele sehr wichtige Themen gesprochen wird, aber meiner Meinung nach zu wenig über Strategie, also darüber, wie wir überhaupt bestimmte viel diskutierte Ziele erreichen wollen.

Dabei könnte genau das die große Stärke der linksjugend [’solid] sein. Lokal begrenzt handelnde Akteure sind nicht in der Lage, bundesweite Diskurse nennenswert zu beeinflussen, genau das ist aber nötig: Viele der großen politischen Fragen sind nur auf Bundesebene wirklich angreifbar, und auch die Diskussionen in unseren Städten und Orten sind keine abgekapselten, durch lokal beschränkte Arbeit komplett drehbaren Dinge, sondern geprägt durch gesamtgesellschaftliche Stimmungen. Um also große Veränderungen erreichen zu können, brauchen wir eine handlungsfähige bundesweite Akteurin mit strategischer Analyse, die erkennt, welche Themen man aufgreifen kann, um gesellschaftliche Debatten zu beeinflussen und hier Menschen nach links zu politisieren. Eine solche Akteurin könnte die linksjugend [’solid] sein, dafür ist aber noch einige Arbeit erforderlich.

In Beiträgen von Genoss*innen, mit denen ich mich ausgetaucht habe, und auch in dem Beitrag meiner Basisgruppe aus Köln, wurden schon viele Ideen entwickelt, wie man die bundesweite Handlungsfähigkeit bspw.  durch einen besseren Kontakt zur Basis und eine professionalisierte Öffentlichkeitsarbeit erhöhen kann. In diesem Beitrag will ich mich deshalb stärker darauf konzentrieren, was es überhaupt heißt, strategisch zu denken.

Strategisches Denken heißt, immer vom Ziel aus zu denken: Bevor man irgendetwas macht, muss man immer wissen, wofür man es macht, und die Weise, wie man es macht, muss sich aus diesem Ziel ergeben.

Das heißt: Bevor man eine Aktion macht oder einen Text in den sozialen Medien raushaut, muss man erst einmal wissen, was man überhaupt erreichen will. Es darf nicht darum gehen, einfach die Aktionen zu machen, auf die man Lust und bei denen man sich besonders radikal fühlt; Texte müssen dafür geschrieben werden, um Menschen zu überzeugen, nicht dafür, sich selbst besonders schlau zu fühlen.

Ich persönlich denke, dass der strategische Hauptfokus derzeit darauf liegen muss, unsere Wirkmacht zu vergrößern: Nur, wenn wir eine starke Organisation sind, können wir einen ernsthaften Beitrag zu den Veränderungen unserer Gesellschaft leisten, die wir als sozialistischer Jugendverband anstreben.

Dafür ist es notwendig, hier einen klaren Fokus auf die Aufbauarbeit zu legen. Dem würden wohl nicht viele widersprechen, das heißt aber gleichzeitig auch, dass unsere Kampagnen eine Orientierung auf dies haben müssen und wir dort sichtbar sein müssen. Es gibt viele tolle Aktionen, Bündnisse und Kampagnen, in die wir viel Energie stecken, bei denen wir aber kaum sichtbar sind, woran wir definitiv arbeiten müssen. Das hängt natürlich auch stark mit einer professionelleren Öffentlichkeitsarbeit zusammen.

Die größte und wichtigste Aufgabe bei der Aufbauarbeit ist es natürlich, neue Mitglieder zu gewinnen und zu empowern, damit sie in der Lage sind, selbstständig und mündig politische Projekte durchzuführen. Um dies zu erreichen, müssen wir darüber reden, was für Menschen wir ansprechen wollen und können.

Dabei ist es denke ich zentral, als Erstes zu begreifen, dass unser Ziel sein muss, Menschen zu politisieren, die noch nicht politisiert sind: Unsere Arbeit darf sich nicht auf die linke Szene konzentrieren. Das Ende von Kapitalismus und Patriarchat wird wohl kaum von den relativ wenigen Menschen erreicht werden können, die es derzeit anstreben, deshalb ist klar, dass wir mehr werden müssen.

Ein Blick auf die Verbandsrealität zeigt auch: Wir erreichen neue Mitglieder meist nicht über linksradikale Szenebündnisse mit autonomen Kleinstgruppen, sondern über Arbeit in breiten Bewegungen und dadurch, dass wir ein parteinaher Jugendverband sind. Die größte Aufmerksamkeit und Relevanz gewinnen wir durch unsere Anbindung an die LINKE, und dessen sollten wir uns bewusst sein und dementsprechend auch versuchen, diese Anbindung zu stärken und mit mehr Leben zu füllen.

Um neue Menschen zu erreichen, müssen wir vor allem lernen, unsere Strukturen auf sie auszurichten: Wir brauchen offene Strukturen, die gleichzeitig handlungsfähig und einsteiger*innenfreundlich sind. Konkret heißt das: Viele Menschen haben keine Lust, sich beim Einstieg in eine Jugendorganisation erst einmal tausend super komplizierte, unintuitive und unästhetische verschlüsselte Kommunikationskanäle anzueignen, und, so sehr ich persönlich die Kommunikation mit Mails schätze, so sehr muss man feststellen: Mails sind absolut kein Teil der Lebensrealität wirklich junger Menschen mehr. Um das aber positiv hervorzuheben: Zumindest bei Social Media haben es viele Strukturen bereits geschafft, den Schwerpunkt auf Instagram zu legen, anstatt alles über Facebook zu organisieren, was immer weniger Schüler*innen nutzen.

Nachdem man die Mitglieder angeworben und auch in die eigenen Basisstrukturen eingebunden hat, ist die nächste Aufgabe, sie handlungsfähig zu machen. Hier wäre es z.B. sinnvoll, den im Raum stehenden Vorschlag eines Mentoringprogramms aufzugreifen. Bei zentralen Bildungsangeboten haben wir schon viele tolle Angebote, mehr Angebote zu Dingen wie Rhetorik und Argumentation wären eine wichtige Ergänzung, da hier viele Basismitglieder ein riesiges Potential haben, aber mehr Unterstützung bei der Entfaltung gebrauchen könnten.

Ganz wichtig ist aber auch: Man lernt durch nichts so viel für die politische Praxis wie durch politische Praxis. Hier braucht es mehr Angebote, sich auf Bundesebene wirklich niedrigschwellig zu engagieren und dort auch von erfahreneren Genoss*innen zu lernen.

Es gibt viele Jugendliche, die die Zumutungen von Kapitalismus, Patriarchat, Rassismus und Antisemitismus sehr genau kennen und viel Potential haben, einen Beitrag dazu zu leisten, diese Verhältnisse zu überwinden. Gehen wir also heraus und finden sie!