Frederic Beck

Solide oder was?

Die aktuelle Situation zeigt uns einmal mehr, wie verletzlich und fragil das gesellschaftliche und ökonomische Gefüge ist, in dem wir leben. Die soziale Frage ist drängender denn je und eigentlich sollten die Umfragewerte der Partei – zu der wir nun mal ein Stück gehören, mögen wir noch so unabhängig sein – in luftigen Höhen schweben. Doch anstatt dessen spielen wir in den Medien, den Köpfen der Menschen und den alltäglichen Gesprächen keine Rolle. Das mag wenig auffallen, wenn wir uns immer nur im eigenen Dunstkreis bewegen. Doch wir sind nicht der Nabel der Welt. Abgesehen davon, dass das nicht erklärtes Ziel linker Politik sein sollte, werden wir auch nie nur in die Nähe einer mehrheitsfähigen Arbeit kommen, wenn wir es nicht endlich schaffen, unser Engagement adäquat nach außen zu transportieren.

Die linksjugend ist gut darin Strukturdebatten zu führen und Anträge über die großen Fragen des Seins zu diskutieren, gerne auch zu fremden Ländern oder mit Vokabular jenseits aller Alltagstauglichkeit. Wenn es aber darum geht sich mit den lokalen Problematiken auseinanderzusetzen, im Leben der Menschen sichtbar zu werden und sich im Dialog darüber auszutauschen, was den Menschen des Lebensumfelds jenseits des eigenen Kneipentisches unter den Nägeln brennt, sind Lücken in unserer Arbeit zu erkennen. Im intellektuellen Milieu mag unser Wirken noch auf Anklang stoßen, obwohl selbst dort erschreckend hohe Wissensdefizite und mangelndes Interesse noch allzu oft dazu führen, dass Kreuze bei den Grünen oder an schlimmerer Stelle gesetzt werden. Erst wenn ich mich mit den Leuten hinsetze und ihnen in Ruhe unsere Positionen, Ziele und unsere Arbeit erkläre, kann ich sie für uns und die Sachen, für die wir kämpfen gewinnen. Das geht aber nur, wenn ich mich nicht die ganze Zeit mit mir selbst beschäftigte. Die prekären, weniger akademisierten Schichten hingegen scheinen – bis auf wenige Ausnahmen – für die linksjugend aktuell in ungreifbarer Ferne zu sein. Ich gebe zu, dass auch ich Schwierigkeiten habe, Inhalte so zu transportieren, dass sie für alle verständlich sind. Doch wenn wir uns darin nicht üben, wird es in Zukunft keine signifikanten Fortschritte in diesem Bereich geben.

Radikale Forderungen, gerne auch mal über das Realisierbare hinaus, sind Kern unseres politischen Verständnisses. Allerdings müssen wir auch anerkennen, dass es nur gemeinsam mit anderen mitte-links orientieren Parteien und Strömungen geht und wir im Zweifel zu Kompromissen bereit sein müssen. Absolute Positionen sind da wenig hilfreich. Auch hier gilt wieder, nur in Einigkeit können wir in Verhandlungen ein Maximum an unseren Forderungen durchsetzen und nur im Bewusstsein, dass auch andere gute Vorschläge unterbreiten können, ist eine sinnvolle Arbeit untereinander und mit anderen möglich. Kritik ist wichtig, doch nicht jedes Wort sollte auf die Goldwaage gelegt werden und nicht jede Debatte im Kleinklein versinken. Das wirkt neunmalklug und wenig einladend. Wer mit Genderstern und Gramsci noch nicht geschmeidig umgehen kann, ist nicht unser Todfeind, der sitzt ganz wo anders. Im Land- oder Kreistag, der Konzernzentrale zum Beispiel.  Wie können wir uns nun also abheben, die Menschen und vor allem die Jugend für uns gewinnen und gleichzeitig echte Verantwortung übernehmen?

Wir können wunderbar gegen etwas sein: Gegen den Kapitalismus, gegen den

Neoliberalismus, gegen Nazis und gegen schmutzige Autos. Doch das FÜR ist uns verloren gegangen. Ich stelle mir eine linksjugend vor, die eine Vision des demokratischen Sozialismus im Herzen trägt. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg und diesen können wir nur in kleinen, praxistauglichen Schritten beschreiten. Also sollten wir in den Schulen, an den Unis und in den Betrieben dafür sorgen, dass die Menschen vor Ort für sie aufbereitete Materialien an die Hand bekommen und sich selbst ermächtigen und organisieren, um für ihre Vorstellungen einer besseren, linkeren Welt zu streiten. Die Situation in Venezuela mag brennend sein, doch konkret helfen können wir hier, an Ort und Stelle. Sei es um den Nahverkehr für Auszubildende kostenlos zu machen, das Noten-Regime zu lockern oder Langzeitstudiengebühren anzuprangern. Die wenigsten Jugendlichen kommen von sich aus zu uns, erst wenn wir genügend Bewusstsein geschaffen haben, wird sich dieser Prozess verselbstständigen. Zuhören ist dafür zunächst die wichtigste Formel, denn nur so können wir Probleme verstehen, Lösungen entwickeln und gleichzeitig unsere Visitenkarte in den Köpfen verankern, damit beim nächsten Mal die Kreuze an der richtigen Stelle gesetzt werden und auch wir als Verband durch immer neue Mitglieder bereichert werden. Denn das wollen wir doch: Pluralität. Und zwar solche die uns eint und nicht eine die uns bis zur Unkenntlichkeit spaltet. Dafür kämpfe ich und viele andere in und außerhalb unseres Verbandes. Für Frieden, Solidarität, kritische Ökonomie und immer auch ein Stück Humor in Zeiten einer schier endlosen Ernsthaftigkeit.