Verbandswerkstatt

12 Jahre linksjugend [‘solid] – 
Zeit für ein Update.

Ein Diskussionspapier des Bundessprecher*innenrats zum Zustand und zur Zukunft von linksjugend [‘solid].

«Wir sind eine Armee der Träumer und deshalb sind wir unbesiegbar.
Wie sollen wir auch nicht siegen, wenn wir alles drehen und wenden?
Wir können gar nicht verlieren. Oder besser gesagt, wir verdienen nicht zu verlieren.»
(Subcommandante Marcos)

Woher wir kommen

Mit viel Poesie und dem Anspruch auf Veränderung wurde linksjugend [‘solid] im Jahr 2007 gegründet. Die umkämpfte Zusammenführung verschiedener Jugendverbände aus dem Umfeld von PDS und WASG schuf den größten linksradikalen Jugendverband Deutschlands. Strömungsübergreifend wird seitdem in diesem Verband Politik gemacht und das mit Erfolg: Wir sind gewachsen, sind mehr und sichtbarer geworden. Wir haben in jedem Bundesland einen Landesverband und über 200 Ortsgruppen. Wir begeistern junge Menschen für Politik und eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft.

Der dem Anfang innewohnende Zauber, die Aufbruchstimmung, ist verflogen. Es ist Alltag eingekehrt in einem Verband, in dem vieles gut läuft, aber auch einiges besser laufen könnte; der Visionen entwickeln und nicht Gewohnheiten zum politischen Prinzip erklären sollte; der allzu oft Gefahr läuft, die Abschaffung von Herrschaft gegen die Debatte um Geschäftsordnung einzutauschen. Manch eine lebhafte Debatte der ersten Stunde ist zum traditionellen Frontenkrieg verkommen, deren Anfänge schon langsam in der Erinnerung des Verbandes verblassen.

Wir haben ein Erbe angetreten, welches uns mahnt und motiviert: das Erbe des Sozialismus. Neben kleinen Erfolgen war das 20. Jahrhundert auch dasjenige Jahrhundert, in dem der realexistierende Sozialismus zum wichtigsten Argument gegen den Sozialismus wurde. Sich heute immer noch Sozialist*in zu nennen, bedeutet deshalb auch zu benennen, was uns vom Sozialismus der DDR unterscheidet. Bei der Gründung von linksjugend [‘solid] wurde daher streng darauf geachtet, dass sich keine Gliederung des Verbands Befehlen eines Vorstandes unterwerfen muss.

Das gilt für unsere Sympathisant*innen und Mitglieder, wie für die Ortsgruppen, Landesverbände und thematischen Arbeitskreise. Ihre Autonomie muss unangetastet bleiben. Jede Veränderung der Struktur- und Arbeitsweise des Bundesverbands muss das Prinzip der Basisdemokratie unangetastet lassen. Gleichzeitig darf Autonomie nicht mit Zersplitterung und nebeneinander her arbeiten verwechselt werden. Wir brauchen mehr Verbindlichkeit und Einigkeit über Strategien, um gemeinsam Beschlüsse und Projekte anzugehen und erfolgreich umzusetzen. Basisdemokratie und die Disziplin gemeinsam Beschlüsse umzusetzen, müssen zusammen und nicht gegeneinander gedacht werden.

Wir sind ein Verband aus Feminist*innen, Sozialist*innen, Transaktivist*innen, Kommunist*innen, Antirassist*innen, Anarchist*innen, usw. Die Vielfalt unserer Positionen und Strategien bedeutet eine Vielfalt unserer politischen Agenden. Wir sind strömungsübergreifend organisiert, weil wir politische Belange und Widersprüche nicht hierarchisieren, sondern im Gegenteil vor allem auch ein Resonanzraum für marginalisierte Anliegen sein wollen. Dieser Resonanzraum soll möglichst groß sein und noch weiter wachsen. Wir wollen sichtbarer werden und mit unseren Anliegen gesellschaftliche Wirksamkeit entfalten.

Doch wir sind auch eine bundesweite Akteurin, Bündnispartnerin und politischer Gegnerin. Immerwährend besteht deshalb die Aufgabe, die vielfältigen Ideen und Arbeitsweisen bundesweit und darüber hinaus wirksam werden zu lassen. Wir alle wissen, dass den Herausforderungen im 21. Jahrhundert nicht regional und monothematisch beizukommen ist. Eine Zersplitterung in die thematische oder regionale Komfortzone kann deshalb keine Antwort sein, das Organisieren in größeren Zusammenhängen ist für uns unabdingbar, wenn wir politische Gestaltungsmacht entwickeln wollen.

Wo wir stehen (bleiben)

Eine Organisation ist mehr als die Summe von Einzelpersonen oder Gruppen. Die Kooperation verschiedener Menschen, Interessen und Stile summiert sich nicht einfach, sondern ergibt ein neues Ganzes. Unser Jugendverband hat deshalb das Potential Menschen und Gruppen zusammenzubringen, die gemeinsam weit aus leichter, deutlich mehr schaffen können, als würden sie es allein versuchen. Darauf zu verzichten, würde bedeuten, hinter unseren Möglichkeiten zu bleiben.

Bundeswas?
Und doch fällt auf, dass von den vielen Menschen, welche bei uns aktiv geworden sind, nur ein Bruchteil auch auf Bundesebene sichtbar wird. Der Weg von der Basisgruppe in eine Arbeitsgruppe oder zuerst einmal auf eine Bildungsveranstaltung des Bundesverbands, ist eigentlich nur wenige Schritte entfernt und doch scheuen offenbar viele genau dies. Das schlägt zurück: Diejenigen, die diesen Schritt gehen und aktiv den Bundesverband gestalten wollen, fühlen sich allein gelassen. Der Grund ist eine Bundesebene in der sich Flügel unerbittlich bekämpfen und oft ihre eigene Identität über und teils gegen den Verband stellen. Ein erfolgreicher Bundesverband kann nur bestehen, wenn wir unsere Konflikte zwar nicht negieren, aber daran arbeiten, sie zu integrieren und einen solidarischen Raum zu schaffen. Nicht selten wenden sich deshalb Menschen bereits nach wenigen Jahren frustriert von der Arbeit auf Bundesebene ab und ziehen sich zurück. Aber nur mit einer Bundesebene jenseits des Bundessprecher*innenrates die breit aufgestellt ist, kann der Bundesverband überhaupt effektiv bestehen.

Informationsdschungel aufräumen!
Neben der sich fortschreibenden Tendenz zur Vereinzelung auf Bundesebene, erschwert die Komplexität der real existierenden Strukturen die Arbeit und Kommunikation: Es erfordert viel Eigeninitiative, sich in dem Dickicht unsere Strukturen zurecht zu finden und den Ort zu bestimmen, an dem ein Anliegen Platz hat und Mitstreiter*innen findet. Das setzt jedoch selbst schon voraus, dass die Informationen auch diejenigen, die gemeint sind, erreichen. Die Reibungsverluste durch Kommunikation ins Leere sind immens. Daran müssen wir arbeiten. Sowohl im Digitalen, als aber auch in Präsenztreffen müssen wir Orte der Kommunikation und Kooperation schaffen.

Debatten statt Saalschlachten!
Dass unsere wichtigste Veranstaltung, der Bundeskongress, das nicht oder wenigstens nicht in ausreichendem Maße ist, muss angegangen werden. Aber auch den Länderrat in seiner jetzigen Gestalt müssen wir überdenken. Anstatt zu vernetzen frustriert er, anstatt zum Austausch anzuregen, hält er Menschen an, ihm fernzubleiben. Klar ist aber schon jetzt: Allein eine technische Lösung wird es dafür nicht geben. Zu oft – seien wir ehrlich – fehlt auch der wohlwollende und korporative Umgang miteinander. Zu oft wurden aus verschiedenen Standpunkten erbitterte Feindschaften. Es fehlen die Orte für solidarische und faire Diskussionen an dessen Ende zu einer gemeinsamen nachhaltigen Basis gefunden werden kann! Knappe Beschlüsse nach einer Saalschlacht auf dem BuKo sind zwar durchaus spannend und unterhaltsam, sind aber oft eine Woche später schon wieder vergessen und spalten, anstatt zu einen.

Basis gestaltet!
Die Schnelllebigkeit und Impulsivität der Basisgruppen wird mit dem Aufstieg der Ebenen ausgebremst. Der Vorlauf für eine bundesweite Veranstaltung oder gar für eine Kampagne wird schnell unterschätzt. Dabei gibt es Orte, wo genau das abgebildet werden könnte. Impulse von Einzelnen könnten beispielsweise direkt Teil unserer Öffentlichkeitsarbeit oder des Bildungsprogramms auf dem Sommercamp werden. Dafür braucht es transparente Verfahren, die zur Mitarbeit anregen und sie nicht verhindern. Wir wollen es schaffen über eine breit eingebundene Projekt- und Kampagnenplanung nicht bloß abstrakt zu reden, sondern dafür auch Strukturen zu schaffen.

Abschließend gilt besonders hervorzuheben, dass unsere Arbeitsweise Männer bevorzugt, weil es allzu oft um Durchsetzungsfähigkeit statt Kooperation; Machtkalkül und Netzwerken statt Wohlwollen und Transparenz geht. Nicht erst in diesem Sinne ist deshalb die Frage der Organisierung eine politische Grundsatzfrage!

Wohin wollen wir?

Nach 12 Jahren, wollen wir unsere Strukturen auf den Prüfstand stellen. Leisten die Bundesarbeitskreise und Kommissionen das, wofür Sie konzipiert wurden? Wie kann der BSPR oder der Länderrat attraktiver werden? Wie kann die Arbeit auf viele Schultern verteilt werden und dennoch auch Verbindlichkeit hergestellt werden? Welche Aufgabenbereiche im Verband, werden möglicherweise überhaupt nicht abgedeckt? Welche neuen Aufgaben wollen wir angehen und mit welchen Strukturen? Das sind einige der Fragen, deren Antworten wir erarbeiten wollen und es werden sich noch viele weitere finden.

Für die Lösungen braucht es uns alle!
Jedes einzelne Mitglied macht diesen Verband aus und kann und soll ihn gestalten. Um nachhaltig tragfähige Strukturen zu schaffen, müssen diese für alle, welche darin wirken, angenehm sein und ihnen die Möglichkeit geben, politische Projekte umzusetzen. Mit welcher Motivation und welchen Zielen bist du nochmal politisch aktiv geworden? Entspricht der Verband deinen Vorstellungen davon? Wie könnte der Jugendverband deiner Wünsche aussehen? Wie muss eine Verbandsveranstaltung oder Kampagne ablaufen damit du Lust hast, dich zu beteiligen oder sogar bei der Vorbereitung dabei zu sein?

Verbandswerkstatt I
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir überdenken und reformieren können. Für den ersten Schritt laden wir dich zu einer Verbandswerkstatt am 12. Januar 2019 nach Berlin ein. Dort soll es darum gehen, verschiedene Konzepte zu entwickeln, wie unsere Strukturen und Zusammenarbeit in Zukunft aussehen könnten.

Dann sind alle Teilnehmenden als Botschafter*innen gefragt, die verschiedenen Konzepte in ihre Basisgruppen und Landesverbände zurückzutragen und dort zu diskutieren. Denn eins ist klar: ein solcher Prozess muss gewollt und getragen sein vom ganzen Verband!

Verbandswerkstatt II
Auf einem zweiten Treffen am 16. Februar wollen wir wieder zusammenkommen um das Feedback einzuarbeiten und die verschiedenen Konzepte in Anträge an den BuKo zu formulieren bzw. weitere Maßnahmen zu planen. Wir wollen also mit euch gemeinsam in einen Prozess einsteigen, der noch genügend Raum gibt, ihn nach euren Wünschen zu gestalten.