Interview: Frauen in der Arbeitswelt

»Typische ›Frauenberufe‹ sind gesellschaftlich nicht anerkannt«

Ein Interview mit Juliane Pfeiffer über gerechten Lohn und die Doppelbelastung von Frauen. Sie ist langjähriges Mitglied der linksjugend [‚solid] und Feministin

Juliane, wie schätzt du die heutige Situation von Frauen in der Arbeitswelt ein?
Leider auch nach vielen Jahrzehnten Frauenbewegung sehr schlecht. Fast jede zweite Frau hat keine volle Stelle und verdient darum recht wenig. Ein noch viel größeres Problem ist, dass sie sich damit abhängig von ihrem Partner macht, keine eigenen Rentenansprüche aufbaut und so später von Altersarmut bedroht ist.
Zudem werden typische »Frauenberufe und -ausbildungen«, also zum Beispiel die Arbeit im Einzelhandel oder in Sozial- und Pflegeberufen, nicht nur schlechter bezahlt, sondern auch weniger gesellschaftlich anerkannt.

Aber Frauen suchen sich doch immer genau die Berufe aus, in denen sie weniger verdienen?
Warum sollte das Erziehen von Kindern weniger wert sein als das Programmieren von Computerspielen?! Den wenigen Männern, die in »typischen« Frauenberufen arbeiten, wird häufig ein roter Teppich ausgerollt und sie werden in Führungspositionen gedrängt – ganz im Gegensatz zu Frauen in den typischen Männerberufen. Frauen verdienen aber auch in den gleichen Berufen noch immer ca. 10 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen, trotz ähnlicher Aufgabenfelder, Arbeitszeit und Verantwortung.

Seit vielen Monaten wird heiß über die Frauenquote diskutiert. Wäre das nicht eine Lösung?
Bei der Diskussion um die Frauenquote geht es ja vor allem um die Führungsgremien. Grundsätzlich halte ich eine 50 Prozent-Quote in Vorständen und Aufsichtsräten für richtig. Doch das hilft den meisten Frauen nicht. Für die wenigsten sind solche Führungsgremien überhaupt eine Perspektive.

Oft wird von der Doppelbelastung der Frauen gesprochen. Was ist darunter zu verstehen?
Damit wird die Problematik angesprochen, dass Frauen in der Regel noch immer wesentlich mehr Hausarbeit leisten als Männer, und das, obwohl in einer Partnerschaft beide zu gleichen Teilen einer Erwerbsarbeit nachgehen.

Und was wäre da eine Alternative?
Das wird seit vielen Jahren sehr kontrovers diskutiert. In den 60er und 70er Jahren gab es die Forderung nach einer Bezahlung der Hausarbeit. Schließlich arbeitet die Hälfte der Weltbevölkerung gänzlich umsonst und meist unsichtbar zu Hause und trägt damit zum Erhalt des Kapitalismus bei. Frauen wären dadurch zwar finanziell unabhängiger, sie würden so aber noch mehr ins Private gedrängt werden und könnten weiterhin weniger am öffentlichen Leben teilnehmen.
Die einzige sinnvolle Lösung ist daher eine gerechte Verteilung von Haus- und Erwerbsarbeit zwischen beiden Geschlechtern, kombiniert mit einer deutlichen Arbeitszeitverkürzung, damit auch noch Zeit für Freizeit, Erholung und gesellschaftspolitisches Engagement bleibt.